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Wol mich der stunde (Walther von der Vogelweide, 13. Jh)





Walther von der Vogelweide sinniert über seine Minnebeziehung. Sie hat ihn mit ihrer "güete", "schoene" und ihrem roten Mund den "lîp" und den "muot" bezwungen. Wohl der Stunde, dass er sie erkannte...ob es dabei auch zu einem sexuellen Liebeserlebnis gekommen war bleibt offen, was die Intensität der geschilderten, innigen Beziehung sogar steigert, da sie ganz auf Minne basiert (geistige Hinwendung an die Minnedame). Im Moment bleibt ihm nur die Erinnerung an sie...

Wol mich der stunde, daz ich sie erkande
diu mir den lîp und den muot hât betwungen,
sît daz ich die sinne sô gar an sie wande,
der si mich hât mit ir güete verdrungen.
Daz ich von ir gescheiden nicht enkan,
daz hât ir schoene und ir güete gemachet
und ir rôter munt, der sô lieplichen lachet.

Ich hân den muot und die sinne gewendet
an die reinen, die lieben, die guoten.
daz müez uns beiden wol werden volendet,
swes ich getar an ir hulde gemuoten.
Swaz ich fröiden zer werlte ie gewan,
daz hât ir schoene und ir güete gemachet
und ir rôter munt, der sô lieplichen lachet.


an dem Tag, als ich Euch, Herrin, das erste Mal sah,
als es Euch gefiel, mich euch sehen zu lassen,
da löste ich mein Herz ganz von anderem Denken
und alle meine Wünsche waren fest auf Euch gerichtet:
Denn so setztet Ihr, Herrin; mir ins Herz das Verlangen
mit einem süßen Lachen und einem bescheidenen Blick;
mich und was mein ist, ließet Ihr mich vergessen.

Denn die große Schönheit und die angenehme Gesellschaft
und die höfische Rede und das liebreizende Gefallen,
das Ihr mir entgegenzubringen wusstet, raubten mir so meinen Sinn,
dass ich ihn seit dieser Stunde, Herrin; nicht mehr haben konnte:
Euch überantworte ich ihn, die mein treues Herz um Gnade bittet,
um Euren Preis zu erhöhen und Euch zu ehren;
Euch ergebe ich mich, denn besser kann man nicht lieben.


aufgenommen in Nienover (http://www.mittelalterhaus-nienover.de)








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