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Aussprache des Mittelhochdeutschen

Die Dichtung des Mittelalters wird heutzutage oft nur vorgelesen, was der Dichtung aber selten angemessen ist, da es gesungene Vortragsdichtung war.

Der vor einiger Zeit verstorbene Prof. Dr. Ulrich Müller (Uni Salzburg), der für die Interpreten mittelalterlicher Musik und Dichtung eine unersetzbare Hilfe war schrieb hierzu:
Zur Frage, wie man mittelhochdeutsche (mhd.) Texte heute aussprechen soll, lassen sich ganz eindeutige Aussagen machen:
  • Für das Mhd. gab es damals keine geregelte Orthografie, sondern nur eine Sammlung von leicht unterschiedlichen regionalen Schreibgewohnheiten, die aber allen, die lesen und schreiben konnten, verständlich waren. Was wir heute an mhd. Texten lesen, das sind zumeist sog. „normalisierte“ Fassungen, die von der Philologie zwecks einfacheren Verständnisses hergestellt wurden. Das bedeutet: Mit dem üblichen Schriftbild kann man hinsichtlich der Aussprache nicht zuverlässig argumentieren.
  • Es gab für das Mhd. auch keine geregelte ‚Bühnenaussprache’, sondern wiederum nur regionale, zumeist dialektal eingefärbte Aussprachekonventionen, und wie auch heute hat jeder/e im Alltag wohl seine individuellen Eigenheiten gehabt. Es gibt also keine sog. richtige Aussprache des Mhd. Da uns – natürlich – keine Tonaufnahmen erhalten sind, kann man sprachgeschichtlich das ungefähr Richtige erschließen, aber ganz genau weiß man es nicht.
  • Aus den grundlegenden Grammatiken kann man eindeutig entnehmen, was man zur Aussprache des Mhd. weiß. Leider lesen die wenigstens dies genau, auch nicht viele Fachleute. Es haben sich seit dem frühen 19. Jahrhundert, unter dem Einfluss der sog. „Berliner Schule“, Aussprachegewohnheiten eingebürgert, die unhistorisch, ja falsch sind. Wer es genau wissen will, muss sich die Einzelheiten in der großen mhd. Grammatik nachschlagen – neueste Auflage:
    Mittelhochdeutsche Grammatik von Hermann Paul.25. Auflage neu bearbeitet von Thomas Klein, Hans-Peter Solms und Klaus-Peter Wegera. Mit einer Syntax von Ingeborg Schröbler, neubearbeitet und erweitert von Heinz-Peter Prell, Tübingen 2007 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte A/2).



Was man an manchen, ja vielen Universitäten dazu in den Proseminaren lernt, ist – das muss man deutlich sagen – irreführend, wenn nicht falsch. Ich habe den Problemkreis in einem längeren wissenschaftlichen Beitrag zusammengefasst, der 2011 in einem Fachbuch im Druck erscheinen wird.

Günther Schweikle, einer der führenden altgermanistischen Fachleute seiner Generation und ein besonderer Kenner des sog. ’Minnesangs’, hat das Problem kurz und bündig formuliert:
(Schweikle, Günther (Hg.), Mittelhochdeutsche Minnelyrik I.: Frühe Minnelyrik, Darmstadt 1977, Nachdruck Stuttgart/ Weimar 1993, S. 100-102. - Schweikle, Günther (Hg.), Walther von der Vogelweide, Werke. Band 1: Spruchlyrik. Mittelhochdeutsche/ Neuhochdeutsch (Reclams Universal-Bibliothek 819), Stuttgart 1994), S. 71-72).


„Angesichts der angedeuteten Bestimmungsprobleme sind aber wohl alle Bemühungen müßig, der mhd. Aussprache durch einige Klang-Retuschen und Signallaute einen historischen Klang zu geben. Die mhd. Texte können also genauso gut einfach in hochdeutscher Lautung gelesen werden“ (Schweikle 1977/ 1993, S. 101)“.


Für diejenigen, denen das zu simpel klingt, habe ich in dem oben genannten Beitrag, auf der Grundlage der genannten mhd. Grammatik und in weitgehender Übereinstimmung mit Günther Schweikle, Ratschläge zur heutigen Aussprache des Mhd. in 12 Punkte zusammengefasst – ich zitiere diese vollständig:


„Für den praktischen Gebrauch … sei das Wesentliche in zwölf kurzen Ratschlägen und Regeln zusammengefasst: 1. In einem natürlichen, auf den Inhalt bezogenen Stil die Texte vortragen
2. Hyperkorrektheiten vermeiden, da sie unnötig verfremdend und oft komisch wirken.
3. Bei den betonten Vokalen zwischen langen und kurzen Vokalen unterscheiden, aber keineswegs penetrant-deutlich.
4. Die mittelhochdeutschen Vokale entsprechen in ihrem Lautwert weitgehend den neuhochdeutschen.
5. Die mittelhochdeutschen Diphthonge /ie/, /uo/, /üe/ sind echte ‚Zweilaute’, und zwar mit fallender Betonung; /ie/ ist niemals Längezeichen. Mhd. /ei/ und /ou/ kann wie nhd. /ai/ und /ei/ bzw. /au/ ausgesprochen werden, doch auch eine leicht (!) geschlossene Aussprache ist nicht falsch.
6. Das mhd. Graphem /iu/ bedeutet ein langes /ü/ (umgelautetes langes u).
7. Vorsicht bei spätmittelhochdeutschen Texten bei der mehrdeutigen Schreibung /ü/!
8. Auch für die mittelhochdeutschen Konsonanten hat sich zum Neuhochdeutschen kaum etwas geändert.
9. Aber Vorsicht bei anlautendem s vor l,n,m,p,t,w: Es ist in diesen Verbindungen wie im Neuhochdeutschen als Zischlaut /sch/ auszusprechen, also auch /schp/ und /scht/, keinesfalls aber ‚’niederdeutsch’ bzw. ‚alt-hamburgerisch’.
10. Mhd. /w/ wie nhd. /w/ ausprechen.
11. Eine leichte (vor allem oberdeutsche) Dialekteinfärbung bzw. eine Färbung durch den eigenen Dialekt des/r jeweiligen Vortragenden empfiehlt sich und ist sicherlich historisch angemessen – sofern man das kann.
12. Man kann aber mit Günther Schweikle (1975/ 1993, S. 101) auch eine ganz radikale Konsequenz ziehen und wäre damit aller Aussprache-Probleme enthoben: „Angesichts der angedeuteten Bestimmungsprobleme sind aber wohl alle Bemühungen müßig, der mhd. Aussprache durch einige Klang-Retuschen und Signallaute einen historischen Klang zu geben. Die mhd. Texte können also genauso gut einfach in hochdeutscher Lautung gelesen werden“. – Das heute gesprochene oder gesungene Mhd. sollte in jedem Fall ‚natürlich’ klingen und phonetische ‚Exotismen’ sind zu meiden.“


Zum immer wieder diskutierten anlautenden sp- und st- (mhd. /sprechen/ oder /stein/) möchte ich noch das Folgende zur Begründung zitieren:

„Eine Sonderentwicklung nahm im Deutschen, im Gegensatz etwa zum Englischen (oder auch Platt- bzw. Niederdeutschen), der germanische /s/-Laut im Anlaut vor l, m, n, p, t und w, also in der Verbindung sl-, sm-, sn-, sp, st- und sw-. Im Oberdeutschen bestand schon seit dem 12. Jhd, die Tendenz, dass sich germ. /s/ zum Zischlaut /sch/ entwickelte, und dies zumal in den angeführten Anlaut-Kombinationen. Es gab also schon früh im Mhd. die Aussprachen /sch/lange, /sch/mal, /sch/niden (‚schneiden’), /sch/pot, /sch/tein und /sch/warz. In der Schrift wurde dies im Fall von sl-, sm-, sn- und sw- nachvollzogen, nicht aber bei anlautend sp- und st-: Hier blieb bis zum heutigen Deutsch die alte Schreibung erhalten, obwohl sich die /sch/-Aussprache zur Norm entwickelt hatte (in oberdeutschen Dialekten geschah dies auch im Inlaut, so wird etwa im heutigen Schwäbischen das Wort ‚Mist’ als /mischt/ realisiert). In denselben Zusammenhang gehört dann noch, dass die im Mhd. sehr selten anzutreffende Schreibung /sc-/ bzw. /sk-/ (zurückgehend auf althochdeutsch /sk/, z. B. skoni = ‚schön’) zum reinen Zischlaut /sch/ wird. Dies alles klärt eindeutig die Frage, wie für das Mhd. die genannten s-Anlaute auszusprechen sind. Auf keinen Fall wie heute im Englischen (slow, smith, snake, swim), und ebensowenig bei sp- und st- etwa wie heute im Plattdeutschen oder im konservativen Hamburger Dialekt – dies ist, so weit verbreitet es auch heute für das Mhd. üblich ist, sprachgeschichtlich eindeutig falsch. Richtig bzw. zumindest so gut wie richtig (aber in jedem Fall angemessen) ist es, es wie im Nhd. zu machen. Wie Walther, als Oberdeutscher, den ersten Vers in der Eingangsstrophe des ‚Reichstons’ aussprach, können wir nicht mehr wissen: wahrscheinlich aber saß er in seiner Rolle damals bereits auf einem /sch/tein.“








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