Trobadordichtung
und der frz. Einfluss in der Literatur des Mittelalters
Bei einem Blick auf die mittelhochdeutsche Literatur fällt der frz. Einfluss schnell auf. Sei es im Parzifal bei Wolfram von Eschenbach, dem eine frz. Vorlage der „Perceval“ voranging oder sei es in anderen höfischen Romanen, die sich vielfach aus frz. Quellen inspirierten. Auch im Minnesang gibt es deutliche Einflüsse, die für den Anfang des Minnesangs sogar als wegweisend gelten können.
Am Ende des 11.Jh hatte die höfische Kultur in Okzitanien (ungefähr das heutige Südfrankreich) eine Blüte genommen, welches sich in der Sangeskultur der Trobadore wiederspiegelt. Die Rolle der Dame wurde zumindest literarisch aufgewertet. Die „domna“, wie sie die Trobadore nannten, erscheint unerreichbar fern und erhöht. Ihre emotional-körperliche Distanz erhebt den Dichtersänger und er preist die Schönheit, Güte und Tugend der Dame. Diese Unerreichbarkeit gibt Ansporn sich durch eigene Tugend und Sittsamkeit zu läutern. Dieses geistige Konzept greift am Ende des 12.Jh. auch auf die mittelhochdeutsche Minnelyrik über.
Eine frz. Einflussnahme lässt sich heute fast ausschließlich über die geschriebenen Quellen nachvollziehen. Dennoch müssen wir auch einen Blick auf die Vermittlungswege mündlicher Art werfen. Diese orale Weitergabe ist ein Hauptaspekt in der Einflussnahme. Die Minnesänger, vornehmlich des südwestdeutschen Sprachgebietes (das beinhaltet auch das Elsass und die Schweiz) kamen als erste intensiver mit der Kultur der Trobadore und der Trouvères in Berührung (Trouvère – Sänger aus dem Norden Frankreichs). Die Lebensläufe dieser Sänger sind überwiegend schlecht nachzuvollziehen, da sie kaum in den Quellen belegt sind. Doch genau an den Schnittstellen der Biographien der Sänger mit frz. Sängern muss es zu Austausch gekommen sein. Dies zeigt ein vielfach frappierende Übereinstimmung im Aufbau und der Struktur der jeweiligen Dichtung
Herausragendes Ereignis war sicherlich die Heirat des Stauferkaisers Friedrich I („Barbarossa) mit Beatrix von Burgund im Jahre 1156. Sie brachte frz.-burgundische Sitten an den Stauferhof und mit ihr auch eine neue Sangeskultur. Beatrix, eine den Künsten zugetane Herrscherin, die immer wieder zu Wettstreiten einlädt. Glanzpunkt der Epoche war der Hoftag zu Mainz 1184, Schwertleite der beiden Söhne und größter Hoftag des Hohen Mittelalters.
Hier trafen sich Trobadore, Trouvères und Minnesänger. Im Gefolge der geistlichen und weltlichen Würdenträger aus dem In- und Ausland muss man sich etliche Sänger denken. Namentlich verbürgt hierbei ist Guiot de Provins. Er trifft auf viele Sänger, unter anderem auch auf den Ministerialen Friedrich von Hausen aus dem nahen Neckarhausen bei Heidelberg. In der zweiten Hälfte des 12.Jh. greift dieser frz. Einfluss weit in das Kulturleben am Stauferhof ein. In der manessischen Liederhandschrift in der Universitätsbibliothek Heidelberg taucht eben jener Sohn Heinrich VI auch als Minnesänger auf.

Stauferkaiser Heinrich VI
Bild: Manessische Liederhandschrift
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Friedrich von Hausen, wie viele andere auch, geht mit dem deutschen Kaiser Barbarossa auf den dritten Kreuzzug. Die frz. Einflussnahme spürt man in seinen Liedern. Es ist ein gepflegter Sang, beherrscht, aristokratisch, maßvoll, reflektiert. Die Idee der sittlichen Vervollkommnung durch die Minne steht im Vordergrund. Dieser Sang gilt als „Hausen-Schule“ und bildet den Beginn einer ganzen romanischen Tradition im Minnesang. Sie trug das Bild der „frouwe“, der Minnedame in den Minnesang.
Nachfolgend will ich nun Einfluss durch Textvergleiche anschaulich machen.
Ich gliedere dabei in steigende Intensität der Einflussnahme:
1. Gleiche Reime & Versstruktur
2. Motive, die identisch sind
3. Inhalte, Zeilen
4. komplette Strophen
5. Gesamte Lieder
1.Gleiche Reime und Versstruktur
Im folgenden Stück von Friedrich von Hausen und Guiot de Provins sind Versmaß und die Reimstruktur gleich. Auch inhaltlich ist den Sängern das Minneglück verwehrt. Sie werden nicht mehr erhört, was ihnen großen Zweifel und Kummer bringt.
Ich denke underwîlen, ob ich ir nâher waere,
waz ich ir wolte sagen. Daz kürzet mir die mîlen,
swenne ich mîne swaere sô mit gedanken klage.
Mich sehent manige tage die liute in der gebaerde,
als ich niht sorgen habe, wan ích si alsô vertrage.
Ma joie premeraine m’est torneie en pesance
Las! Je ne sai por coi; Mais ensi me demaine
La foi et l’esperance K’amors a mis en moi.
Se je par bone foi Doi avoir penitance,
De moi ne sai nul roi Fors que ma mort i voi.
Übs.
Meine Freude von einst hat sich in Kummer verkehrt.
Ach! Ich weiß nicht warum, aber so weit hat mich mein Glaube
und die Hoffnung getrieben, welche die Liebe in mir wachgerufen haben.
Durch meinen guten Glauben erleide ich jetzt Pein,
und keine Königsmacht kann mich aus dem Angesicht des Todes befreien. KS
Dieser Guiot de Provins taucht interessanterweise bei Wolfram von Eschenbach als Quellenangabe für seinen „Parzival“ auf. Er nennt einen Kyot als Autor der Vorlage. Einige Jahre zuvor hatte Chretien de Troyes jedoch den französischen Perceval geschrieben, den Wolfram aber nicht erwähnt.
2.Motive
Verschiedene Motive (Augen als Pforte des Minneerlebnis, Baum, Tristan) tauchen immer wieder auf und bilden eine inhaltliche Brücke zwischen zwei Liedern. Ein Beispiel:
Tristanmotiv
Selbiger Chrétien de Troyes ( Schreiber des frz. „Perceval“ ) führt auch das Tristanmotiv in die Literatur ein. Es findet sich bei Bernger von Horheim wieder in seinem Lied „Nu enbeiz ich doch des trankes nie“.
Es ist nicht nur eine formale (Versmass und Reimstruktur) sondern auch eine Motivübernahme aus dem Lied „D’amors qui m’a tolu“ des Chrétien de Troyes:
Ohne vom Trank des Tristan gekostet zu haben ist der Sänger in hoffnungslose Zuneigung verfallen. Auslöser sind die Augen, die Pforte der Seele ( ein weiteres Motiv, welches aus der Trobadordichtung übernommen wird).
...
Onques du buvrage ne bui
dont Tristan fu enpoissonez;
Mes plus me fet amer que lui
fins cuers et bone volentez.
Bien en doit estre miens li grez,
Qu’ainz de riens efforciez n’en fui,
fors que tant que mes euz en crui,
par cui sui en la voie entrez
donc ja n’istrai n’ainc n’en recrui.
Übs.:
Niemals habe ich von dem Trank getrunken
mit dem Tristan vergiftet wurde;
aber mehr als ihn lässt mich lieben
ein aufrichtiges Herz und ein freier Wille.
Dafür sollte mir wohl Dank gebühren,
denn ich wurde von nichts je dazu gezwungen,
außer dass ich mich auf meine Augen verließ,
durch die ich diesen Weg einschlug,
den ich nie verlassen werde und von dem ich nie abwich.
Bernger von Horheim:
Nu enbeiz ich doch des trankes nie,
dâ von Tristran in kumber kam.
noch herzeclîcher minne ich sie
danne er Isâlden, daz ist mîn wân.
Daz habent diu ougen mîn getân.
daz leite mich, daz ich dar gie,
dâ mich diu minne alrêst vie,
der ich deheine mâze hân.
sô kumberlîche gelebte ich noch nie!
3.Inhalte, Zeilen
Im folgenden Stück des Albrecht von Johansdorf und einer anonymen okzitanischen Canso sind der Zeilenaufbau und der Inhalt identisch. Beide Lieder sind aus sechs Zeilen gebaut. Es ist ein Wechselgesang/Sprechlied. Die Verteilung der Anteile der Frau und des Mannes entsprechen sich im okzitanischen und mittelhochdeutschen Lied vollständig. Die Domna /Herrin erhört den Sänger, aber hält ihn auf Distanz in der Erfüllung seiner Begierde – das Spiel der Hohen Minne. Die Dame hat gehörigen Anteil an der Handlung und vor allem immer das letzte Wort...

Albrecht von Johannsdorf
Bild: Weingartener Liederhandschrift
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„Mînen senden kumber
klage ich, liebe vrowe mîn.“
„wê, waz sagent ir, tumber?
ir mugent iuwer klage wol lâzen sîn.“
„Vrowe, ich enmac ir niht enbern.“
„sô wil ich in tûsent jâren niemer iuch gewern.“
„Sol mich dan mîn singen
und mîn dienst gegen iu niht vervân?“
„iu sol wol gelingen,
âne lôn sô sult ir niht bestân.”
„wie meinent ir daz, vrowe guot?“
„daz ir dest werder sint unde dâ bî hôchgemuot.“
“Dona, a vos me coman,
c’anc res mai non amei tan.”
„Amicx, be vos dic e.us man
qu’ieu farai vostre coman.”
“Dona, trop mi vai tarzan.”
„Amicx, ja no.y auretz dan.“
„Dona, a la mia fe,
murray s’aysi.m gayre te.”
“Amicx, menbre vos de me
qu’ie.us am de cor e de fe.”
“Don’, ajatz en doncx merce!”
„Amicx, si auray yeu be.“
Übs.
Herrin, Euch befehle ich mich,
denn nie zuvor liebte ich so sehr.“
„Freund, ich sage und versichere Euch,
dass ich Euch zu Diensten sein werde.“
„Herrin, darauf warte ich allzu lange.“
„Freund, es wird Euer Schade nicht sein.“
Herrin, bei meiner Treue, ich sterbe,
wenn ich mich auch nur kurz noch weiter zurückhalte.“
„Freund, denkt daran,
dass ich Euch treu und von Herzen liebe.“
„Herrin, habt doch Mitleid!“
„Freund, das werde ich tatsächlich haben.“
4.komplette Strophen
Guilhem de Cabestanh verfasste fünf Strophen, davon werden zwei von Walther von der Vogelweide rezipiert und sinngemäß übernommen. Das gleiche Versmaß und Reimschema in beiden Liedern ist auffällig: Sieben Zeilen mit jeweils identischen Reimen (ababKcc). Das Versmaß ist 10-silbig bei Guilhem mit 4 bzw. 5-Hebungen bei Walther vdV. Die 5.Zeile bildet einen einzelnen Reim. Anhand dieser sehr charakteristischen Stelle ist erkennbar, dass Walther das Lied gekannt haben muss.
Wol mich der stunde, daz ich sie erkande
diu mir den lîp und den muot hât betwungen,
sît daz ich die sinne sô gar an sie wande,
der si mich hât mit ir güete verdrungen.
Daz ich von ir gescheiden nicht enkan,
daz hât ir schoene und ir güete gemachet
und ir rôter munt, der sô lieplichen lachet.
Lo jorn qu’ie.us vi, dompna, primeiramen,
Quan a vos plac que.us mi laissetz vezer,
Parti mon cor tot d’autre pessamen
‘E foron ferm en vos tug mey voler:
Qu’assi.m pauzetz, dompna, el cor l’enveya
Ab un dous ris et ab un simpl’esguar;
Mi e quant es mi fezes oblidar.
Übs.:
an dem Tag, als ich Euch, Herrin, das erste Mal sah,
als es Euch gefiel, mich euch sehen zu lassen,
da löste ich mein Herz ganz von anderem Denken
und alle meine Wünsche waren fest auf Euch gerichtet:
Denn so setztet Ihr, Herrin; mir ins Herz das Verlangen
mit einem süßen Lachen und einem bescheidenen Blick;
mich und was mein ist, ließet Ihr mich vergessen.
Freude über die Liebe zur Dame wird Ausdruck verliehen. Beide Lieder denken zurück an den Beginn – die Stunde, in der der Sänger zuallererst die Dame sah. Seit diesem Moment hat sie ihn völlig eingenommen mit ihrer Schönheit und Bescheidenheit. Die Dame ist aus Fleisch und Blut und wird konkretisiert über ihren roten Mund, der so lieblich lacht. Ein positiver Ausgang der Beziehung wird vorausgesehen. Geistig findet daher schon eine beiderseitige Liebesbeziehung mit Erfüllung statt.
5.Gesamte Lieder
In Nordfrankreich singen die Trouvères in einem neuen Stil. Die besungene Frau wird greifbar in Fleisch und Blut. Man hofft auf ein tatsächliches Liebesabenteuer. Walther von der Vogelweide hat ein Lied des Gautier d’Espinal in Reim und Versmaß und in Frühlings-und Natursymbolik kontrafaziert („facere“ von lat. machen). Die Stimmung ist heiter bis überschwänglich, die Frau wird besungen in Vorfreude auf ein Liebeserlebnis, welches sich noch entwickeln mag. Es muss so populär gewesen sein, dass es auch in den Carmina Burana (CB) aufgezeichnet wird.
Die domna /frôwe ist nicht mehr unerreichbar fern sondern auf Augenhöhe nahbar. Die frôwe wird zum frôwelîn, Minneidylle macht sich breit. Die Schönheit und Güte des Mädchens sind Triebkräfte der Verehrung - nicht die soziale Stellung und die Pracht der Dame. „roter munt wie du dich lachest...“
Muget ir schowen/ Quant ie voie lerbe/ Virent prata hiemata (um 1200)
Walther von der Vogelweide/ Gautier d’Espinal/ Carmina Burana)
Muget ir schouwen waz dem meien
wunders ist beschert?
Seht an pfaffen, seht an leien,
wie daz allez vert.
Grôz ist sîn gewalt.
Ine weiz obe er zouber künne;
Swar er vert in sîner wünne,
dân ist niemen alt.
Quant ie voi lerbe menue
poindre au prim deste,
que tote riens chaingez
mue en greigor bealte.
Se losz menta gre
ma dame qaie chante
Bien iert ma ioie creue seul
qelelait comande.
Virent prata hiemata
tersa rabie
Florum data mundo
grata rident facie
Solis radio
Nitent albent rubent candent
Veris ritus iura pandent
Ortu vario.
Dies stellt nur eine kleine Auswahl aus der großen Zahl der Spuren dar, die uns aus frz. Quellen überkommen sind. Dennoch will ich an dieser Stelle noch auf zwei weitere, berühmte Beispiele hinweisen:

Walther von der Vogelweide
Bild: Manessische Liederhandschrift
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Das Palästinalied Walthers von der Vogelweide, welches Parallelen mit dem Troubadourlied „lanquand li jorn“ von Jaufre Rudel aufweist. Beide kreisen mit ihren Gedanken um das Hl. Land. Bei Jaufre Rudel ist es die „Fernliebe“, bei Walther ganz konkret die Beschreibung des Hl. Landes. Ebenso ist auch das Lied Walthers von der Vogelweide „unter der linden“ auf ein anonymes Trouvèrelied aus Nordfrankreich zu beziehen („en mai au douz tens novel“). Die lautmalerische Silben „Tandaradei“ bei Walther hat ihr Pendant im „Saderaladon“ des frz. Liedes.
Eine umfassende Betrachtung der Übernahme der Troubadour- und Trouvèrelieder in den Minnesang sprengt die Dimension einer kleinen Darstellung (näheres siehe Literaturliste). Wichtige Personen in der Übernahme waren vor allem die Minnesänger Friedrich von Hausen vom Oberrhein und Rudolf von Fenis aus der Schweiz. Es gibt viele Belege bei Rudolf von Fenis, die seine Dichtung auf den Troubadour Folquet de Marselh verweisen.
Vielfach wird bei der Aufführung von Musik des Minnesanges auch heute eine frz. Melodie entlehnt, da für den Minnesang kaum Melodien überliefert sind. Eine Übernahme der Melodien 1:1 scheitert meistens schon daran, dass die frz. Texte syllabisch zählen, die mittelhochdeutschen aber mit Hebung und Senkung. Ein Anpassen der Melodien auf die mittelhochdeutschen Texte ist in der Regel vonnöten. Die Minnesänger haben dies sicherlich ebenso gehandhabt und flexibel dem Text angepasst.
Die Übernahme solcher Lieder und Motive war damals anscheinend normal. Gute „Töne“ d.h. Melodien wanderten durch die Dichtung und tauchen in weltlichem und geistlichem Kontext auf. Melodien waren an und für sich nichts eigenständiges, welches es zu schützen galt. Sie waren nur Träger einer Lyrik und Dichtung, um diese stärker in ihrer Aussage zu machen. Der Gedanke ein „geistiges Eigentum“ war nicht sehr ausgeprägt. Ein Prinzip das im Zeitalter des Copyright eine andere Note bekommt….
Diskographie:
CD minnesangs fruehling, „ich zôch mir einen falken“, Verlag der Spielleute
Einspielung von Minnelyrik mit frz. Einfluss
Literatur:
Trouvères et Minnesänger, Istvan Frank, West-Ost Verlag Saarbrücken 1952
Intégration courtoise, Nicola Zotz, Universitätsverlag Winter Heidelberg 2005
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